Redaktionelle Schulden im CMS – das versteckte Problem bei TYPO3-Relaunches
Technische Schulden kennt jeder Entwickler. Aber was passiert, wenn Redakteure gezwungen sind, das CMS auszutricksen? Wir beleuchten ein unterschätztes Problem, das bei Relaunches zur Kostenfalle werden kann.
Was sind redaktionelle Schulden?
Technische Schulden entstehen, wenn Entwickler unter Zeitdruck arbeiten oder bewusst Kompromisse eingehen. Das Resultat: Code, der funktioniert, aber langfristig Probleme verursacht. Doch es gibt ein Pendant in der Content-Welt, das oft übersehen wird: die redaktionellen Schulden.
Redaktionelle Schulden entstehen immer dann, wenn das CMS die Anforderungen der Redaktion nicht abbilden kann. Der Content muss aber trotzdem irgendwie raus. Also werden kreative Workarounds gefunden, die kurzfristig funktionieren, langfristig aber massiv Probleme bereiten.
Ein klassisches Beispiel aus der Praxis: Ein Bild soll zentriert dargestellt werden. Das CMS bietet diese Option nicht. Also wird das Bild in einem Bildbearbeitungsprogramm mit Weißraum links und rechts versehen – fertig ist die "Zentrierung". Funktioniert einwandfrei, bis der Relaunch kommt und hunderte solcher manipulierten Bilder händisch nachbearbeitet werden müssen (oder bis man sich die Seite auf einem mobilen Endgerät ansieht).
Die häufigsten redaktionellen Schulden in TYPO3
In über 20 Jahren TYPO3-Erfahrung haben wir immer wieder die gleichen Muster gesehen. Die Liste ist lang und oft haarsträubend:
Layout-Workarounds, die später zur Falle werden:
- Bilder mit eingebautem Weißraum zur Simulation von Zentrierung oder besonderen Abständen
- Leerzeilen im Rich Text Editor, um Abstände vor oder nach Elementen zu schaffen
- Mehrfach geschützte Lehrzeichen im Text, um horizontale Abstände zu erzeugen
- Multipel verschachtelte Grid-Elemente zur Darstellung dessen, was eigentlich eine simple Tabelle sein sollte
Strukturelle Shortcuts mit Langzeitfolgen:
- Verwendung von H1-H5 nur aufgrund der Optik statt der semantischen Struktur
- Texte, die direkt in Bilder gebrannt werden, weil das CMS keine passende Darstellungsoption bietet
- Bilder im RTE statt strukturierter Bild-Content-Elemente
- Tabellen im RTE für Layout-Zwecke missbraucht
TYPO3 spezifische Themen:
- Aufbehalten deaktivierter Seiten oder Seiteninhalte über Jahre hinweg
- Verlinkung auf andere Seiten im TYPO3 als externe Links
HTML-Missbrauch als letzter Ausweg:
- HTML-Content-Elemente zur Integration von Dritt-Elementen (Newsletter An-/Abmeldung, Cookie-Modal, Matomo Opt-Out)
- HTML-Content-Elemente zur Manipulation des Seitenlayouts (Farbänderungen, individuelle Abstände, etc.)
- Inline-Styles überall dort, wo das vorgegebene Design nicht passt
Warum redaktionelle Schulden zum Problem werden
Der Tag der Abrechnung kommt spätestens beim nächsten Relaunch. Was Jahre lang "irgendwie funktioniert" hat, entpuppt sich plötzlich als massives Problem. Die Migration alter Inhalte ins neue System wird zum Alptraum.
Bilder mit eingebautem Weißraum passen nicht mehr ins responsive Layout. Überschriften-Hierarchien sind durcheinander, weil H2 nur gewählt wurde, weil die Schrift größer aussehen sollte. HTML-Code-Schnipsel funktionieren nicht mehr, weil sich Klassennamen oder das zugrundeliegende Framework geändert haben. Verschachtelte Grids brechen auf mobilen Geräten zusammen.
Die Konsequenzen sind teuer: Entweder muss jede Seite einzeln angefasst werden – ein manueller Prozess, der Tage oder Wochen dauern kann. Oder es müssen aufwändige Migrationsskripte entwickelt werden, die versuchen, die verschiedenen Workarounds automatisch zu erkennen und aufzulösen. Beide Varianten kosten Zeit und damit Geld.
Aber es kommt noch schlimmer: Redaktionelle Schulden beeinträchtigen auch im laufenden Betrieb die Qualität. Falsche Überschriftenstrukturen schaden dem SEO-Ranking. Bilder mit eingebranntem Text sind nicht barrierefrei und lassen sich nicht übersetzen. HTML-Hacks machen die Website anfällig für Sicherheitslücken und brechen bei Browser-Updates.
Warum entstehen redaktionelle Schulden überhaupt?
Die Ursache liegt selten bei den Redakteuren selbst. Meistens entsteht das Problem aus einer Kommunikationslücke zwischen Redaktion und Entwicklung. Die Redaktion hat eine konkrete Anforderung – beispielsweise ein zweispaltiges Layout für einen bestimmten Textabschnitt. Das CMS bietet diese Möglichkeit nicht.
Nun gibt es zwei Szenarien: Im besten Fall wird die Anforderung an die Entwicklung kommuniziert, priorisiert und dann sauber umgesetzt. Das dauert allerdings – und Zeit ist in der Redaktion oft ein knappes Gut. Der Inhalt muss heute noch raus, nicht in drei Wochen.
Also wird improvisiert. Ein HTML-Content-Element mit etwas Bootstrap-Code hier, ein paar verschachtelte Grid-Elemente dort – und schon funktioniert es. Die Redaktion ist glücklich, die Entwicklung weiß nichts davon, und die technische Schuld wächst im Verborgenen.
Die Lösung: Kommunikation auf Augenhöhe
Redaktionelle Schulden lassen sich vermeiden, wenn Redaktion und Entwicklung eng zusammenarbeiten. Das bedeutet nicht, dass jede kleine Anpassung sofort umgesetzt werden muss. Aber es braucht einen strukturierten Prozess, um Anforderungen zu sammeln, zu priorisieren und zeitnah umzusetzen.
Wir bei in2code setzen auf regelmäßige Content-Reviews mit unseren Kunden. Dabei schauen wir gemeinsam auf die Inhalte und identifizieren Stellen, an denen die Redaktion gegen das System arbeitet statt mit ihm. Diese Erkenntnisse fließen dann in die Weiterentwicklung des Systems ein.
Moderne TYPO3-Installationen bieten heute enorme Flexibilität durch Custom Content Elements und strukturierte Inhalte. Ein zweispaltiges Layout? Ein Content Element mit entsprechender Konfiguration. Ein spezieller Call-to-Action-Block? Ein eigenes Content Element mit allen nötigen Feldern. Newsletter-Anmeldung? Eine saubere Extension statt HTML-Bastelei.
Wichtig ist auch, Redakteuren zu vermitteln, welche langfristigen Kosten durch Workarounds entstehen. Das bedeutet nicht, ihnen Vorwürfe zu machen – sondern gemeinsam zu verstehen, dass der scheinbar schnelle Weg heute morgen zum Problem werden kann.
Kennen Sie Ihre redaktionellen Schulden?
Bei jedem Relaunch, den wir betreuen, führen wir zunächst ein Content-Audit durch. Dabei analysieren wir systematisch, welche Arten von redaktionellen Schulden sich über die Jahre angesammelt haben. Diese Analyse ist Gold wert, denn sie zeigt auf, wo die Migration aufwändig wird und wo das neue System Verbesserungen bieten muss.
Falls Sie einen TYPO3-Relaunch planen oder das Gefühl haben, dass Ihre Redakteure zu viele Umwege gehen müssen, sprechen Sie uns an. Gemeinsam identifizieren wir die redaktionellen Schulden in Ihrem System und entwickeln einen Plan, wie das neue System diese Anforderungen sauber abbilden kann.
Tipp: Führen Sie einmal im Quartal eine Stichprobe durch. Schauen Sie sich an, welche Content-Elemente Ihre Redakteure regelmäßig nutzen. Wenn sich immer ein mal wieder HTML-Content-Elemente einschleichen, haben Sie möglicherweise ein Problem!
Brauchen Sie Unterstützung bei der Analyse Ihrer redaktionellen Schulden oder planen Sie einen TYPO3-Relaunch? Ich stehe Ihnen gerne beratend zur Seite.
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