SEO im Wandel: Wie Künstliche Intelligenz die Spielregeln verändert
Die digitale Landschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch, getrieben durch den rasanten Aufstieg der Künstlichen Intelligenz (KI). Was einst die Domäne klassischer Suchmaschinen war, in der Websites als primäre Informationsquellen dienten, wandelt sich nun zu einem komplexen Ökosystem, in dem KI-gestützte „Antwortmaschinen“ eine immer zentralere Rolle spielen. Diese Entwicklung erfordert eine grundlegende Neuausrichtung der Suchmaschinenoptimierung (SEO) und zwingt Unternehmen dazu, ihre Strategien anzupassen.
Von der Suchmaschine zur Antwortmaschine: Der Aufstieg der AI Overviews
Die traditionelle Funktion von Suchmaschinen – das Bereitstellen von Links zu relevanten Webseiten – wird zunehmend durch direkte, KI-generierte Antworten abgelöst. Das prominenteste Beispiel für diese Entwicklung sind die Google AI Overviews, die 2024 eingeführt wurden. Sie erscheinen als generative Zusammenfassungen direkt über den organischen Google-Suchergebnissen und liefern den Nutzern sofort die wichtigsten Informationen. Damit nehmen sie den sichtbarsten Platz in den Suchergebnissen ein und verändern maßgeblich die Art, wie Informationen präsentiert werden.
Daten und Fakten belegen den Wandel
- Zunahme der Zero-Click-Suchen: Das Phänomen der sogenannten „Zero-Click-Suchen“, bei denen Nutzer die benötigten Informationen direkt in den Suchergebnissen finden, ohne eine externe Website zu besuchen, nimmt rapide zu. Eine Studie von SparkToro zeigt, dass im Jahr 2024 bereits 59,7 % der Google-Suchen in der Europäischen Union und 58,5 % der Suchen in den USA ohne einen einzigen Klick endeten.
- Rückgang der Klickraten: Laut Analysen von Seer Interactive senken die Google AI Overviews die organische Click-Through-Rate (CTR) um schätzungsweise 20 bis 40 %.
- Wachsendes Suchvolumen, trotz sinkender CTR: Obwohl die Klicks auf Drittanbieter-Websites zurückgehen, steigt das gesamte Suchvolumen weiterhin an. Im Jahr 2024 verzeichnete Google ein Wachstum des Suchvolumens von mehr als 20 % im Vergleich zum Vorjahr. Dies zeigt, dass die Plattform selbst wächst, die Nutzer jedoch zunehmend ihre Bedürfnisse direkt innerhalb der Suchergebnisse befriedigen.
AI Overviews dominieren bei informationsgetriebenen Suchanfragen
AI Overviews erscheinen laut einer Semrush-Analyse vor allem bei Long-Tail-Keywords mit geringem Suchvolumen. Semrush hat über 10 Millionen Keywords untersucht und festgestellt, dass fast 60 % der Keywords, die einen AI Overview auslösen, weniger als 100 Suchanfragen pro Monat haben. Betroffen sind vor allem informationsorientierte Suchanfragen: 88,12 % der Keywords, die im März 2025 einen AI Overview auslösen, sind informational – also Suchanfragen, bei denen Nutzer nach Definitionen (z. B. „Was ist ein VPN?“), Erklärungen (z. B. „Ist Honig vegan?“) oder Vergleichen (z. B. „Mieten oder kaufen?“) suchen.
Diese Inhalte stehen typischerweise am Anfang des Marketing-Funnels und wurden bisher gezielt genutzt, um Reichweite zu generieren. Nun konkurrieren solche Seiten direkt mit den AI Overviews, die häufig die Sichtbarkeit stark einschränken.
Im Gegensatz dazu lösen transaktionale (1,76 %) und kommerzielle (8,69 %) Suchanfragen – etwa „Proteinshake kaufen“ oder „beste Kreditkarte vergleichen“ – deutlich seltener AI Overviews aus und führen weiterhin eher zu direkten Klicks auf Websites.
Welche Branchen sind am stärksten von AI-Overviews betroffen?
Am stärksten von AI Overviews betroffen sind bislang die Branchen Wissenschaft, Gesundheit, Menschen & Gesellschaft sowie Recht & Regierung – sie werden stark von informationellen Suchanfragen geprägt. Deutlich langsamer wächst laut Semrush hingegen der Einfluss in den Bereichen Immobilien und Shopping, da dort der Anteil an kommerziellen und transaktionalen Suchanfragen höher ist.
Neue Abkürzungen, neue Spielregeln: GEO, AEO und AIO
Die Evolution der Suchlandschaft bringt neue Begriffe hervor, die die Anpassung der SEO-Strategien beschreiben:
- Generative Engine Optimization (GEO): Optimierung für generative KI-Systeme.
- Answer Engine Optimization (AEO): Optimierung, um als direkte Antwort in KI-generierten Zusammenfassungen zu erscheinen.
- Artificial Intelligence Optimization (AIO): Ein umfassender Ansatz zur Optimierung für alle Aspekte der KI-gestützten Suche.
Das Ziel dieser neuen Optimierungsdisziplinen ist es, Inhalte nicht nur für menschliche Nutzer, sondern auch für die künstliche Intelligenz hinter Tools wie ChatGPT oder Google Gemini aufzubereiten. Es geht darum, die eigene Marke prominent in den Antworten dieser Systeme zu platzieren und so Sichtbarkeit zu sichern, wo klassische Klickzahlen abnehmen.
Der Mailchimp-Fall: Vom Website-Ziel zur Datenquelle
Ellen Mamedov, Global Director of Search Engine Optimization bei Intuit Mailchimp, berichtet von einem stetigen Rückgang des Web-Traffics, seit KI-gestützte Suchmaschinen es Nutzern ermöglichen, Informationen über das Unternehmen und seine Produkte zu sammeln, ohne die Websites zu besuchen.
Um dieser Verschiebung entgegenzuwirken, begann Mailchimp mit der Aktualisierung seiner Websites, um die sogenannten Crawler – Bots, die Seiten im Web besuchen, um Daten für KI-Plattformen wie ChatGPT und Google Gemini zu sammeln – besser zu bedienen. Laut Mailchimps Forschung sind technische Suchelemente wie die Ladegeschwindigkeit von Seiten und Code-Snippets zur Verfolgung der Nutzeraktivität für diese Bots und KI-gesteuerte Suchen wichtiger als für traditionelle Suchmaschinen. Die Bots sind darauf ausgelegt, Informationen so schnell wie möglich zu absorbieren und zu verarbeiten, weshalb sie schnell ladende Seiten bevorzugen, die für Maschinen optimiert wurden und nicht primär für menschliche Leser. Mamedov geht sogar einen Schritt weiter und prognostiziert, dass Websites im Allgemeinen sich dahingehend entwickeln werden, primär als Datenquellen für Bots zu dienen, die Large Language Models (LLMs) speisen, und weniger als primäre Ziele für Konsumenten.
Organischer Traffic ist nicht mehr alles
Die traditionelle Metrik des Website-Traffics verliert in der Ära der KI an alleiniger Aussagekraft. Marken wie HubSpot demonstrieren, dass ein Rückgang des Blog-Traffics nicht zwangsläufig einen Umsatzrückgang bedeutet. Obwohl der Blog-Traffic 2024 deutlich zurückging, verzeichnete HubSpot im vierten Quartal 2024 ein Umsatzhoch.
Das heißt: Markenbekanntheit und Einfluss können Konversionen auch bei weniger Traffic steigern. SEO muss heute ganzheitlich gedacht werden – nicht nur als Traffic-Lieferant, sondern als Stärkung der Markenpräsenz über alle Kanäle hinweg.
Für Marken bedeutet das:
- SEO-Erfolg nicht nur am Traffic messen
- Einfluss und Wiedererkennung fördern
- Sichtbarkeit plattformübergreifend optimieren
So bleibt SEO relevant – auch in Zeiten, in denen weniger Klicks nicht unbedingt weniger Erfolg bedeuten.
Der Wert von KI-Traffic: Weniger Nutzer, mehr Wirkung
Besonders hervorzuheben ist der überdurchschnittlich hohe Wert von Traffic, der über KI-Plattformen generiert wird. Eine Untersuchung von Semrush ergab, dass der durchschnittliche AI-Suchbesucher (von einer Nicht-Google-Suchquelle wie ChatGPT) 4,4-mal wertvoller ist als der durchschnittliche Besuch aus der traditionellen organischen Suche, basierend auf der Konversionsrate.
Gründe für die höhere Konversionsrate:
Informierte Nutzer: LLMs versorgen die Nutzer bereits mit umfassenden Informationen, sodass sie beim Besuch einer Website oft schon gut informiert sind und kurz vor einer Kaufentscheidung stehen. Die Wahrscheinlichkeit einer Konversion ist daher deutlich höher.
Persönliche Empfehlung: KI-Antworten werden oft wie persönliche, mündliche Empfehlungen präsentiert, was ihre emotionale Wirkung und Überzeugungskraft im Vergleich zu traditionellen Suchergebnissen erhöht.
Kaufabsicht: Eine im Dezember 2024 von Bain durchgeführte Umfrage unter mehr als 1.000 Personen ergab, dass 42 % der regelmäßigen Nutzer generativer KI solche Tools für Einkaufsempfehlungen nutzen. OpenAI kündigte im April 2025 sogar an, dass ChatGPT bald einen „Shopping Button“ einführen wird, der Nutzer direkt zur Website eines Händlers weiterleitet, wo sie das recherchierte Produkt kaufen können.
Sichtbar bleiben in der KI-Ära: So passt du deine SEO-Strategie an
In der sich wandelnden KI-Welt müssen Unternehmen proaktiv handeln und ihre SEO-Strategien anpassen.
Konkrete Strategien und Best Practices
Inhalte für KI optimieren
- Chunkable Inhalte: Präsentiere Informationen in kleinen, leicht zitierbaren Abschnitten.
- Klare Sprache und Grammatik: Optimiere deine Inhalte für NLP-Systeme durch verständliche Sprache und korrekte Grammatik.
- Deskriptive Überschriften: Nutze aussagekräftige Überschriften zur klaren Strukturierung (<h1> bis <h6>).
- Semantisch korrekte Auszeichnungen: Kennzeichne Inhalte wie Zitate, Adressen oder Listen semantisch (z.B. mit <blockquote> für längere Zitate), damit KI-Systeme deren Bedeutung besser erfassen.
- Konsistente Markenbotschaft: Sorge für eine einheitliche Markenkommunikation über alle Kanäle, da KI-Systeme aus vielen Quellen lernen.
- Negatives Sentiment überwachen: Reagiere auf negative Bewertungen und Kommentare, denn sie beeinflussen, wie KI deine Marke wahrnimmt.
- Multimodale Inhalte: Nutze eine Kombination aus Text, Bild, Audio und Video, um KI-Systemen vielfältige Interpretationsmöglichkeiten zu bieten.
Nischeninhalte erstellen
Analysen von Semrush zeigen, dass KI-Systeme bevorzugt Inhalte zitieren, die gezielt auf spezifische Anwendungsfälle und Zielgruppen ausgerichtet sind. Beispiel: Statt allgemeiner Spartipps ein Artikel über „Clever sparen bei Großeinkäufen für Familien mit kleinen Kindern“. Oder Vergleichsleitfäden, die deine Angebote klar von Wettbewerbern abgrenzen.
Quora ist die am häufigsten zitierte Website in Google AI Overviews, gefolgt von Reddit. Nutzer auf diesen Plattformen stellen und beantworten oft Nischenfragen, die anderswo nicht behandelt werden, was sie zu wertvollen Informationsquellen für hochspezifische KI-Anfragen macht. Eine Marketingstrategie, die Quora, Reddit oder andere bekannte Websites mit einbezieht, kann für deine KI-Optimierung sehr wichtig sein. Denn Google zitiert diese Plattformen oft als vertrauenswürdige Quellen.
Technische SEO priorisieren
- Schnelle Ladezeiten: Optimiere die Performance deiner Seiten.
- Crawlability sicherstellen: Sorge dafür, dass KI-Crawler deine Seiten problemlos lesen können – vermeide, dass wichtige Inhalte nur per JavaScript gerendert werden, da viele KI-Crawler kein JavaScript ausführen.
Die Rolle von EEAT
Die Auswahl der Quellen, die eine KI zitiert, orientiert sich an denselben Qualitätsmerkmalen, die auch im klassischen SEO für Autorität sorgen. Inhalte mit einzigartigen Daten, fundierten Analysen, klarer Struktur und einem hohen Maß an Erfahrung, Fachwissen, Autorität und Vertrauenswürdigkeit haben bessere Chancen, als Quelle genannt zu werden. EEAT (Experience, Expertise, Authoritativeness, Trustworthiness) ist somit sowohl für organische Suchergebnisse als auch für KI-basierte Suchergebnisse ein zentraler Erfolgsfaktor.
Ob sich die Optimierung für ein bestimmtes Thema oder Keyword in der KI-gestützten Suche lohnt, hängt jedoch vom Einzelfall ab. Wird deine Marke in den KI-Ergebnissen genannt – oder die deiner Konkurrenz? Wie wirken sich die Entwicklungen in der KI-Ära aktuell auf deinen Traffic und deine Conversions aus? Davon hängt ab, ob du gezielt für KI-Tools optimierst und externe Erwähnungen förderst – oder den Fokus eventuell auf kommerzielle Suchanfragen mit direktem Umsatzpotenzial legst.
Tracking im Zeitalter der KI
Impressionen und Klicks zählen zu den direkten Signalen, die entstehen, wenn Nutzer über KI-Antworten auf deine Website aufmerksam werden – zum Beispiel durch die Nennung deiner Domain in KI-Chatfenstern oder den „AI Overviews“ von Google. In der Google Search Console wird dieser Traffic aktuell noch zusammen mit den klassischen Suchergebnissen ausgewiesen. Das macht eine genaue Analyse schwierig. Fest steht jedoch: Im Zusammenhang mit AI Overviews sinkt die Anzahl der Klicks aus der Google-Suche bei vielen Websites, während die Impressionen stabil bleiben oder sogar zunehmen.
Tools wie Sistrix und SE Ranking bieten inzwischen spezielle Funktionen, um zu sehen, bei welchen Keywords deine Website in KI-Antworten genannt wird, und messen sowohl verlinkte als auch unverlinkte Erwähnungen sowie potenziellen Traffic aus KI-Quellen.
Ein weiterer wichtiger Ansatz ist die Analyse von Referral-Traffic über Server-Logs oder Google Analytics, zum Beispiel durch Erkennung von Besuchern, die von KI-Plattformen wie chatgpt.com kommen. Ahrefs hat dafür sogar einen eigenen „LLM Channel“ zur Auswertung eingerichtet.
Eine große Herausforderung bleibt jedoch die fehlende Transparenz der KI-Systeme: Wir sehen nur das Ergebnis, aber nicht, warum eine Quelle bevorzugt wird. Zudem sind KI-Antworten oft personalisiert – basierend auf Standort, Suchhistorie oder weiteren Faktoren. Die Ergebnisse, die dein Tracking-Tool erfasst, stimmen oft nicht mit denen potenzieller Kunden überein, was ein einheitliches Tracking erschwert.
Ausblick: Google AI Mode und die Zukunft der Suche
Google hat bereits mit dem Rollout des AI Mode begonnen, der ein ChatGPT-ähnliches Erlebnis bietet und die traditionelle Suchergebnisseite vollständig ersetzt. Sollte dieser Modus zum Standard werden, verändert sich die Nutzererfahrung radikal: weg von Linklisten, hin zu direkten, kontextualisierten Antworten.
Die Semrush AI Overviews Study zeigt, dass die Häufigkeit von AI Overviews rapide zunimmt: Waren es im Januar 2025 noch 6,49 % der Suchanfragen, die einen AI Overview auslösten, stieg dieser Wert im Februar 2025 auf 7,64 % (ein Anstieg von 18 %) und im März 2025 auf 13,14 % (ein Wachstum von 72 % gegenüber dem Vormonat).
Fazit: KI ist ein Weckruf zur Anpassung
SEO ist nicht tot, aber es verändert sich grundlegend. Wer weiterhin sichtbar bleiben will, muss sich jetzt mit GEO, AEO und AIO auseinandersetzen. Die Zeiten, in denen Reichweite ausschließlich über organische Rankings kam, sind vorbei. Sichtbarkeit bedeutet heute: Im Zentrum der Antwort selbst zu stehen.
Für Unternehmen bedeutet dies eine dringende Notwendigkeit, ihre Inhalte für KI und LLMs zu optimieren, bevor die Konkurrenz dies tut. Beginne mit einer Analyse deiner Sichtbarkeit in AI-Suchen. Die Investition in hochwertige, vertrauenswürdige und maschinenlesbare Inhalte sowie die Optimierung technischer SEO-Aspekte kann entscheidend sein, um in dieser neuen Ära der Suche erfolgreich zu bleiben.
Informationsquellen
WSJ: AI Has Upended the Search Game. Marketers Are Scrambling to Catch Up.
BREAKtheWEB: AI SEO Statistics
Semrush: AI Search SEO Traffic Study
WordStream: Google AI Overviews
SEO Südwest: KI-SEO: Tracking, Tools und KPIs für AIO, ChatGPT & Co.
Bain & Company: Goodbye Clicks, Hello AI: Zero-Click Search Redefines Marketing
Wired: OpenAI Adds Shopping to ChatGPT in a Challenge to Google
SparkToro: 2024 Zero-Click Search Study





