Open Source ist kaputt, lasst es uns reparieren!

Open Source ist kaputt, lasst es uns reparieren!

Alexander Kellner

Alexander Kellner, Autor vieler freier TYPO3 Erweiterungen

Doch erst einmal zurück zum Anfang. Zumindest zu meinem Open Source Anfang im Jahr 1996. Während meiner Ausbildung zum Mediengestalter hatte ich die Chance, Open Source und ganz im Speziellen TYPO3 näher kennenzulernen. Ich war beeindruckt von den Möglichkeiten, von der Community, dem Zusammenhalt und dem "Inspiring People To Share". Und im Prinzip war es exakt so, wie Stefan in seinem Blogeintrag vor ein paar Monaten geschrieben hat.

Während man seine 40h in einer Agentur abgesessen hat, nutzte man die Freizeit zum Entwickeln. In meinem speziellen Fall, sind ganz viele gute und mindestens nochmal so viele schlechte TYPO3 Erweiterungen dabei herausgekommen. Ein paar nette Dinge wie powermail, femanager oder migration sind uns erhalten geblieben. Und wie man sich als Open Source Autor freut, wenn seine Software von vielen anderen benutzt wird - dieses Gefühl ist wirklich unglaublich. Leider nimmt dann aber auch der Druck immer weiter zu: "Warum gibt es noch keine neue Version von der Extension für TYPO3 XY?", "Warum ist der Bug immer noch nicht gefixt?", "Kannst du nicht noch dieses Feature mit einbauen?". Von den "bösen" Nachrichten will ich gar nicht erst anfangen. Dazu kommt bei uns allen auch privat eine Verschiebung von Prioritäten im Laufe der Zeit. Das alles hat Stefan aber bereits beschrieben, weswegen ich hier nicht weiter darauf herumreiten will.

Da ein Großteil der Developer freier Software zu allererst deren zahlende Kunden betreuen müssen, stehen Herzensprojekte meist hinten an und müssen oftmals unentgeltlich in der Freizeit abgearbeitet werden. In einem professionellen Umfeld sollten aber Fehler, ungeschlossene Sicherheitslücken und erzwungene Updates wegen Aktualisierung von Drittsoftware zeitnahe und planbar eingearbeitet werden. Und spätestens hier wird aus einem Freizeitprojekt der Unterbau einer professionellen Webanwendung großer Unternehmen und damit muss auch eine regelmäßige Finanzierung ins Spiel kommen. Ich kann den Wunsch nach bezahlter Arbeit hier absolut verstehen. Kritik wie "Hätte der Autor Geld verdienen wollen, hätte er kein Open Source machen sollen" ist dabei zu kurz gedacht. Denn als Nutzer solcher Software habe ich auch ein Interesse daran, dass der Autor diese weiterentwickelt und nicht von heute auf morgen die Arbeit einstellt. Gerade in einer Zeit in der fertige Applikationen aus einer Summe von kleineren, von einander abhängigen Paketen bestehen.

Aber können wir ab heute nicht einfach ein Preisschild an unsere freie Software oder in unserem Fall TYPO3 Extensions hängen? Ich denke nicht, dass das so funktionieren wird. Jahrelang haben wir in den Köpfen der User verankert, dass TYPO3 Extensions als FOSS (Free Open Source Software) nichts kosten. Dies war auch einer der ausschlaggebenden Gründe warum mein damaliger Chef überhaupt wollte, dass ich TYPO3 lernen und einsetzen muss. Leider schätzen wir kostenlose Produkte weit weniger als Dinge, für die wir Geld ausgegeben haben. So wird eine teure Handtasche von Chanel wie der eigene Augapfel behandelt während eine kostenlose Tasche vielleicht unbeachtet in der Ecke liegt. Vermutlich ist auch daher vielen Benutzern überhaupt nicht klar, wie viel Zeit und Arbeit in der Betreuung von Software steckt. Ein erster Schritt muss eine veränderte Wahrnehmung von freier Software in der Gesellschaft sein.

So weit zu meinen Gedanken zu diesem Thema. Dass es anderen ähnlich ergeht, zeigen die beiden kürzlichen Ereignisse, die die Open Source Gemeinschaft so richtig durchgeschüttelt haben. Bereits beim Bekanntwerden der log4j Schwachstelle wurden erste Rufe laut, die das "Geschäftsmodell" hinter populärer Open Source Software in Frage stellen. Nun kam Anfang dieser Woche noch ein zweiter Vorfall dazu, der in die gleiche Kerbe schlägt. Ein Open Source Autor hat bewusst zwei seiner lang gepflegten NPM-Pakete kaputt gemacht. Wohl aus Frust über fehlende Finanzierung und Unterstützung. Und wir sollten uns darauf einstellen, dass dies nicht die letzten Ereignisse dieser Art gewesen sein werden. Aber ist es wirklich so, dass große und kleine Unternehmen Gewinn auf dem Rücken kostenloser Software verdienen? Ja, davon bin ich überzeugt.

Ich denke, dass wir - wollen wir etwas ändern - zu allererst uns selbst ändern müssen. So wollen wir als Firma in Zukunft noch mehr Open Source und im Speziellen TYPO3-Entwicklung finanziell unterstützten und hoffen, dass andere Agenturen und Firmen es uns gleich tun werden. Dies haben wir zwar auch schon in der Vergangenheit getan, doch stolpern wir immer wieder über organisatorische Herausforderungen. Einzelne Entwickler müssen herausgepickt, angeschrieben, Details vereinbart und sicher gestellt werden, dass diese auch in der Lage sind, eine Rechnung auszustellen. Neben dem erhöhten Aufwand sehe ich als weiteres Problem, dass viele ruhige und leise TYPO3-Unterstützer (und ja richtig - das sind natürlich nicht ausschließlich Entwickler) einfach untergehen und nicht auf "unserem Zettel" stehen. Ich würde mir wünschen, dass beispielsweise die TYPO3 Association einen Topf eröffnet, in den wir regelmäßig einzahlen können. Je nach Höhe der Unterstützung sollten diese Gelder dann auch in der Community verteilt werden. Wenn die Hürden für Spenden so gering wie möglich gemacht werden, sind sicherlich mehr Firmen und öffentliche Einrichtungen bereit, mitzumachen. Ebenfalls würde so ein Leuchtturmprojekt in der Open Source Community schnell die Runde machen und viele Nachahmer finden.

Long Story Short - das sollte doch zu schaffen sein:

  • Wertschätzung von freier Software in der Gesellschaft und Agenturwelt
  • Finanzielle Unterstützung der fleißigen Hände durch die Agenturen und Firmen
  • Eine neutrale Stelle, die diese Gelder verwaltet und verteilt

Wie seht ihr das? Liege ich komplett falsch? Schreibt mich gerne bei Slack an.

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